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 Portrait von Victor Gollancz
So lautete das Thema der von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) 1985 organisierten Konferenz "40 Jahre nach Auschwitz". Dort klagten Persönlichkeiten aus dem Widerstand im Dritten Reich wie Robert Jungk und Heinz Brandt sowie viele Repräsentanten von Minderheiten und Volksgruppen Völkermordverbrechen der Gegenwart an.
Wir haben unseren Menschenrechtspreis nach Victor Gollancz benannt, weil er zeitlebens unerschrocken Verbrechen gegen die Menschlichkeit bekannt gemacht und Hilfe für die Opfer mobilisiert hat und seinen Überzeugungen trotz öffentlicher Anfeindungen zeitlebens treu geblieben ist. Schon 1933 hat er minutiös die Verbrechen Hitlers dokumentiert. Heftig wurde er deshalb in Großbritannien von den Medien angegriffen. Sein "Braunbuch vom Hitlerterror" enthüllte die ersten Stadien der Schreckensherrschaft und belegte sie mit einer solchen Fülle von Dokumenten und Fotografien, dass es kein Ableugnen hätte geben dürfen. Später, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, wandte er sich leidenschaftlich gegen die Kollektivschuld der Deutschen, führte Kampagnen gegen den Hunger und verurteilte die Massenvertreibungen. Gollancz gehörte mit Bertrand Russel und Robert Jungk zu den Initiatoren der Bewegung gegen die Atomwaffen.
Victor Gollancz, geboren 1893 in London, entstammte einer jüdischen Familie, die Mitte des 19. Jahrhunderts aus Polen eingewandert war. 1928 gründete er den Victor-Gollancz-Verlag. Mit seiner Buchgemeinschaft, der schließlich über 50.000 Menschen angehörten, gelang es ihm, sozial und politisch engagierte Publikationen preiswert in weite Bevölkerungsschichten zu tragen.
30 Jahre lang führte Gollancz alsVerleger, Autor, Organisator und Redner zahlreiche Kampagnen gegen Faschismus und Nationalsozialismus, gegen Hunger und Armut, gegen die Todesstrafe, für Völkerverständigung und für die ostdeutschen Flüchtlinge und Vertriebenen. 1960 wurde ihm der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Er wurde von Gemeinden und Bezirksverwaltungen ausgezeichnet und in Berlin und anderen Städten wurden Straßen nach ihm benannt. Die Volkshochschule Steglitz trägt seinen Namen. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und die Goethe-Medaille. Die britische Königin erhob ihn 1965 in den Adelsstand. Er starb 1967.
Aber diese Ehrungen für Victor Gollancz kamen spät. Zunächst stand er oft allein, fand wenig Unterstützung. "Der vernünftige Leser", schrieb die konservative "Morningpost" in der Rezension seines Braunbuches 1933, "wird eher geneigt sein, seine Sympathien Herrn Hitler zuzuwenden, als seinen Anklägern." In den westlichen Demokratien hätte es genug Informationen über die nationalsozialistischen Verbrechen gegeben. Aber man war nicht interessiert.
Gollancz veröffentlichte in seinem renommierten Verlag dieDokumentensammlung "Der gelbe Fleck". Dies war der Beginn einer langen Reihe von Büchern über Faschismus und Nationalsozialismus, die vor und während des Krieges erschienen. In dem letzten dieser Bücher "Lasst mein Volk ziehen" schilderte er, was den Juden in Polen angetan worden war. Er schreibt: "Ich hatte gehofft, das Gewissen der Nation aufzurütteln und durch den Druck der öffentlichen Meinung bestimmte praktische Maßnahmen zu erwirken, um wenigstens einen kleinen Teil dieser Opfer zu retten, bevor es zu spät war." Der Versuch misslang. "Wir wissen jetzt, .....dass ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung der Erde mit allen Mitteln des Schreckens schändlich ausgerottet ist. Wer wissen will, wie das vor sich ging, der lese diese Stelle aus dem Brief eines polnischen Kindes: Nun muss ich Euch Lebewohl sagen, morgen kommt Mutter in die Gaskammer und ich werde in einen Schacht hinunter geworfen". Und Gollancz fährt fort, sich an die britischen Leser wendend: "Nein, niemand kann behaupten, er habe nichts gewusst. Und nun frage dich selbst, Leser, was hast du dagegen unternommen ? – Nichts? – Warum? – Weil du dich nicht genug gekümmert hast? Weil es dich nichts anging?"
Genau diese Fragen stellen wir uns in Deutschland bis heute. Aber der radikale Humanist Victor Gollancz wandte sich schon 1945 neuen Opfern zu. Jetzt klagte er Verbrechen an den besiegten Deutschen an: "Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande all derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß von Brutalität." Und wieder fand Gollancz zunächst wenig Verständnis. Heute, angesichts der Massenvertreibungen und Tötungen bosnischer Muslime und anderer Kriegsverbrechen auf dem Balkan und des Schweigens Europas, können wir die Lage des britischen Humanisten besser verstehen. "Es erscheint mir ein wunderlicher Hintergrund für jegliche Umerziehung zu sein, die Deutschen verhungern zu lassen, und ihnen ausgerechnet einige von den Schlechtigkeiten anzutun, die Hitler anderen antat."
In seinem bewegenden Buch "Our Threatened Values" ( London, 1946, 1947 in Zürich mit dem Titel "Unser bedrohtes Erbe" in deutscher Sprache erschienen) wird die Situation sudetendeutscher Häftlinge in einem tschechischen KZ geschildert: "Sie lebten ohne Rücksicht auf Geschlecht und Alter in Hütten zusammengepfercht.... Sie waren im Alter von 4 bis zu 80 Jahren. Jeder sah verhungert aus..... Den empörendsten Anblick boten die Babies.... Nahe dabei stand eine andere Mutter mit einem eingeschrumpften Bündel von Haut und Knochen in den Armen..... an zwei Schlafstellen lagen zwei alte Frauen wie tot. Erst bei näherem Zusehen entdeckte man, dass sie noch leise atmeten. Sie waren, wie jene Babies, vor Hunger am Sterben...".
Als Marschall Montgomery den Deutschen nur 1.000 Kalorien täglich zuteilen wollte und auf die nur pro Tag nur 800 Kalorien für die Häftlinge im Konzentrationslager Bergen-Belsen verwies, schrieb Gollancz über das Hungersterben in Deutschland, dass viele der Flüchtlinge nicht einmal diese 1.000 Kalorien erhielten. "Es gibt wirklich nur eine Methode der Umerziehung von Menschen", erklärte Gollancz, "nämlich das Beispiel, dass man selber vorlebt." Gollancz löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Aus allen Teilen Großbritanniens erreichten ihn Hilfsangebote. Über seine Kampagnen und seine Kritik wurde ausführlich berichtet. Die traditionelle britische Toleranz, gewachsen in Jahrhunderten, bewährte sich einmal mehr.
So organisierte Gollancz die Kampagne für eine humane Behandlung der deutschen Zivilbevölkerung, organisierte eine Luftbrücke mit Hilfspaketen und Büchersendungen nach Deutschland und in andere vom Krieg verwüstete europäische Länder. "Bei der Lenkung unserer Hilfsaktion sollte nichts, aber auch gar nichts anderes ausschlaggebend sein, als der Grad der Not." Das massive Engagement von Gollancz im Verein mit anderen britischen Persönlichkeiten führte im Dezember 1946, eineinhalb Jahre nach Kriegsende dazu, dass die britische Regierung das Verbot, Lebensmittelpakete nach Deutschland zu senden, aufhob, und sich allmählich eine Politik der Versöhnung durchsetzte.
Im Namen der Menschlichkeit und der Demokratie hat sich Gollancz immer wieder gegen nationalistische Entgleisungen gewandt. "Wir wollen uns völlig klar darüber sein, dass der Nationalismus ein Laster ist. Wir meinen mit "Nationalismus", jede übergebührliche Betonung der Nationalität ..... Der Nationalismus ist ein Laster, weil er sein Augenmerk auf vergleichsweise belanglose Dinge lenkt.... und dabei das Wesentliche übersieht, das einfach darin besteht, dass er (jeder Mensch) ein Mensch ist. ..... Was macht es schon aus, dass ich Englisch spreche und jemand anders Deutsch, dass meine Haut weiß ist und die eines Negers schwarz ist, dass ich Jude bin und mein Nachbar anderen Glaubens ..... Lasst uns denn im Namen der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes diese Unterschiede vergessen, damit wir uns unseres gemeinsamen Menschseins erinnern".
Als Menschenrechtler können wir von Victor Gollancz lernen: Das bloße Beklagen vergangener Verbrechen ändert gar nichts. Die Opfer des Holocaust und anderer Völkermordverbrechen können wir nicht wieder lebendig machen. Das Vermächtnis ihres Leids muss für uns heißen, heute, immer und überall an Leib und Leben bedrohten Menschen zu Hilfe zu kommen.
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